Detail: 100 Jahre "Grauer Esel"

 

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100 Jahre Wohnen & mehr 
Wenn uns Corona nicht weiterhin den Spaß verdirbt, gibt es für unsere Mitglieder in Eimsbüttel und Winterhude nächstes Jahr etwas ganz Besonderes zu feiern: Drei unserer Wohnanlagen werden 100 Jahre alt! 

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass die Gebäude vor 100 Jahren tatsächlich fertig wurden. März 1922: Das ist der Beginn der großen Inflation. Die Herstellung von Süßigkeiten, Sekt und Schnaps wird aus Mangel an Zucker verboten.

Ein Pfund Brot kostet 40 Mark, Butter 685 Mark. In der Lohntüte der meisten Hamburger befinden sich aber nur 168 Mark. In Eimsbüttel und Winterhude dürfte dennoch die Freude kaum zu bremsen gewesen sein. Genau zu dieser Zeit wird in der Gellertstraße 14 ein hübsches Stadthaus fertiggestellt; in der Gustav-Falke-Straße 5 und der angrenzenden Garbestraße 3–11 sogar eine halbe Wohnanlage. Das Besondere daran: In Eimsbüttel haben unsere Gründerväter gebaut, der „Spar- und Bauverein von Unterbeamten der Reichspost und Telegraphenverwaltung“. Ein Zuhause für 102 Mitglieder und ihre Familien – und zwar nicht irgendeins, sondern eins, das diese Bezeichnung wirklich verdient.

Teure Kaschemmen

Wohnen in Hamburg? Für die Arbeiterklasse war das in den „Goldenen Zwanzigern“ mehr ein Albtraum als ein Traum. „Die Wohnungen waren größtenteils feucht und gesundheitsschädlich, die sanitären Einrichtungen denkbar einfach und primitiv“, umschrieb der damalige Vorstand die Lebensverhältnisse der Arbeiter, Angestellten und Beamten der unteren Gehaltsstufen.

Trotzdem wurden für diese Kaschemmen absurd hohe Mieten verlangt, denn die Wohnungsnot war unbeschreiblich groß. So konnten sich Arbeiterfamilien nur ein Zimmer leisten, alleinstehende „Fräuleins“ und Burschen gerade einmal ein Bett. Die Mieten unserer Genossenschaft dagegen (ja, damals hießen sie wirklich noch Mieten) waren so niedrig, dass sich selbst kleine Postbeamte eine komplette Wohnung leisten konnten. Und die Neubauten waren für die damaligen Verhältnisse nahezu luxuriös: In der Regel hatten die Wohnungen zwei Zimmer, eine Küche, ein kleines Bad mit Wanne und WC, große Fenster und oft einen Balkon. Im Keller gab es eine Waschküche und vor der Haustür einen Spielplatz. 

Familienstammsitz

Wie hätten sie aber wohl erst gestaunt, wenn sie ihr Zuhause heute sehen könnten? Glücklicherweise wurde die Wohnanlage im Zweiten Weltkrieg nur wenig beschädigt. So bietet der „Graue Esel“, wie der Gebäudekomplex noch immer genannt wird, bis heute vielen „1904“-Familien ein schönes Zuhause. Für manche ist er sogar seit vier Generationen der Familienstammsitz.

Grau ist der Graue Esel allerdings längst nicht mehr. Nach der ersten großen Modernisierung 1975 haben wir ihm 2007 einer weiteren Verjüngungskur unterzogen. Die Fassaden wurden wärmegedämmt und im Erdgeschoss mit echten Backsteinklinkern verkleidet. Es gab unter anderem neue Fenster, Balkone, einen Glasfaseranschluss, und der Innenhof wurde zu einem Garten für alle Bewohner umgewandelt. Unsere Hausmeister haben hier ein großes Büro, das Team vom Sozialen Management bietet Beratungsstunden, und im Nachbar-Treff können in normalen Zeiten spannende, lustige und gern auch lehrreiche Stunden verbracht werden.

Die ehemalige Hausherrin unseres Stadthauses in Winterhude dürfte ebenfalls zufrieden sein. Das Gebäude in der Gellertstraße 14 haben wir ausnahmsweise nicht selbst gebaut, sondern 1964 von Elisabeth Jeß geerbt. Mit folgender Auflage: „Der Vermächtnisnehmer, also die ‚1904‘, hat bedürftige Leute zum Selbstkostenpreis in dem Haus wohnen zu lassen.“ Ob wir uns an ihren Letzten Willen halten, wurde zunächst jährlich von einem Testamentsvollstrecker überprüft. Zuletzt 1974.

Trotzdem hegen und pflegen wir das schöne Jugendstilgebäude natürlich weiterhin mit der gleichen Hingabe wie unsere selbst errichteten Schätze. Neben regelmäßigen Instandhaltungen haben wir das Haus 2008 energetisch modernisiert, und die Nutzungsgebühren sind wie eh und je bezahlbar.