Detail: Energiekrise in Europa: Jetzt heißt es: heizen mit Bedacht

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Die aktuellen Spar-Appelle der Politik fallen bei den Bundesbürgern auf fruchtbaren Boden: Angesichts steigender Energiepreise sind 89 Prozent bereit, ihren Gasverbrauch deutlich zu senken. Allerdings ist noch unklar, wie groß das Ausmaß der Probleme sein wird, die mit Beginn der Heizperiode auf die Menschen zukommen.

 

Wegen des Krieges in der Ukraine ist die Versorgung mit russischem Erdgas unsicher. Die Belieferung der Wohnungen mit Erdgas genießt jedoch Priorität. Mieterinnen und Mieter sollen von Zwangsabschaltungen verschont bleiben. Hierzulande wird knapp die Hälfte aller Wohnungen – das sind rund 20 Millionen – mit Gas beheizt.

Die aktuelle Krise trifft auf hausgemachte Probleme. Da wäre zuallererst die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas, die in den vergangenen 40 Jahren stetig zugenommen hat. Noch bis vor wenigen Monaten wurden Kritiker dieser Situation belächelt – und das nicht ganz zu Unrecht. Russland lieferte das vertraglich vereinbarte Erdgas und Erdöl dem Westen selbst in Zeiten des kalten Krieges und galt als zuverlässiger Partner. Hinzu kam, dass der Transport durch Leitungen die ökonomischste Art ist und so auch die Endverbraucher von günstigen Energiepreisen profitierten.

Der Kurswechsel nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine führt nun dazu, dass nicht nur weniger Gas aus Russland geliefert wird, sondern dass wegen des Mangels und höherer Transportkosten die Preise explodieren. Zudem wird voraussichtlich zum 1. Oktober 2022 für alle Gaskunden eine zusätzliche Abgabe eingeführt. Die genaue Höhe der Abgabe, die bis Ende März 2024 erhoben wird, soll bis Ende August veröffentlicht werden. Sie wird aber in der Spanne von 1,5 bis fünf Cent zuzüglich MWST pro Kilowattstunde liegen.

Bei einem durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden im Jahr landet man so in einem mittleren Hundert-Euro-Bereich. Bei 20.000 Kilowattstunden und zwei Cent Umlage sind das Mehrkosten von 476 Euro, die zusätzlich zu normalen Preiserhöhungen auf die Verbraucher zukommen. Derzeit bieten viele Genossenschaften ihren Mitgliedern an, die Heizkostenvorauszahlung vorsorglich zu erhöhen.

Hinzu kommt, dass die aktuelle Entwicklung die Klimaschutzziele infrage stellt. Gas galt bislang als Brückentechnologie, sodass viele Menschen meinten, man könne auf Energie aus Atom- und aus Kohlekraftwerken in Zukunft verzichten. Im Fall der Kohlekraftwerke hat die Bundesregierung bereits einen Rückzieher gemacht. Vermehrt sollen Kohlemeiler wieder angefahren werden, um das Fehlen von Erdgas auszugleichen.

Ob das am Ende ausreichen wird, steht in den Sternen. Irdisch sind hingegen die Probleme der Gashändler, die bei laufenden Verträgen auf den Mehrkosten für den Einkauf von Gas sitzen bleiben. Um hier Insolvenzen zu verhindern, kann die Bundesregierung das „Preisanpassungsrecht“ aktivieren. Dann könnten die Unternehmen sofort sämtliche Verträge kündigen und ihre Preise drastisch erhöhen.

Die Folgen wären verheerend. Zwar würden dann alle Wohnungen weiterhin mit Gas bzw. Heizenergie versorgt. Haushalte mit geringem Einkommen aber könnten sich das Heizen dann nicht mehr leisten. „In einer Krisensituation wie der jetzigen muss die eigene Wohnung als Rückzugsort in jeder Hinsicht sicher sein“, sagt Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), in dem fast alle Hamburger Genossenschaften Mitglied sind.

Manche Sparappelle, wie zum Beispiel die Wohnungstemperatur zu reduzieren, seien nicht zielführend. „‚Frieren für den Frieden‘ klingt nicht nur zynisch, sondern ist es auch“, sagt Andreas Breitner. Und am Ende könne es sogar mehr schaden als nutzen. „Es besteht die Gefahr, dass sich in kühleren Zimmern innerhalb kurzer Zeit Schimmel bildet und damit eine ernsthafte Gesundheitsgefahr entsteht.“

Bei allem Verständnis für die aktuelle Notlage fordern die sozialen Vermieter deshalb, die Bezahlbarkeit des Wohnens nicht aus den Augen zu verlieren. „Es geht um Versorgungssicherheit und um bezahlbare Energiepreise“, sagt der VNW-Direktor. „Zumal wir eine Preiserhöhungswelle erleben, deren Ausmaß den allermeisten Menschen noch nicht bewusst ist.“